Civilized Meditation, Teil 1 – The Fall (rmx 2020)


Civilized Meditation thematisiert in verschiedenen Phasen den immer stärker werdenden Verlustdes Seelenraumes bis hin in unsere heutige Ära, in der die Menschen aufgrund ihrer “Raumstress-Symptome”(1) nicht mehr wissen, “wie und wo sie wohnen, mit wem sie zusammengehören, in welchen Formaten sie kommunizieren”(1). Konsequent setzt der Künstler mit der Darstellung der zerbrechlichsten der menschlichen Intimformen an: wie kommt der Mensch zur Welt, wie bringt er Welt hervor – was, wenn das Gehirn nach der Herrschaft über das Gehirn greift – und schließlich: Wo findet der Mensch sich selbst vor? Prismen- und kaleidoskopartig collagiert Günther Dokumentarbilder aus Nachrichten und Wissenschaftssendungen mit eigenen, persönlichen Videoaufnahmen und bettet sie in übergeordnete Symbolkreise von Geburt und Tod.

Jeder Teil seines Videogemäldes hat verschiedene Zeitzonen und Erlebnisgeschwindigkeiten. Eine Wahrnehmungsdrehung genügt, dass Tage, Wochen und Jahre als Losigkeiten in mehrfachgebrochenen Ereignisräumen zusammenfließen, bis der Betrachterstandort,nicht zuletzt durch simulierte Bildstörungen, zu schwanken beginnt.

Der letzte Teil dieser Arbeit, The Return of Responsibility , ist ganz der Stille und dem inneren Erleben gewidmet und mutet an wie die Essenz des Günther’schen Gesamtwerkes. Aufnahmen von Himmel und Erde, Mensch und Natur durchdringen sich in einer derartigen Intensität, dass der Eindruck entsteht, die digitalen Bilder seien durch den Filter von Mark Rothkos Malerei gegangen. In Divergenz zu einem sich in Gleichzeitigkeiten auflösenden Zeitbewusstsein, wird Zeit hier als “Intensität”(2) erlebt.

(1) Peter Sloterdijk – (2) Jean Gebser

Angelika Sommer 2006

civilized meditation_part1 I the fall