Anmerkungen zu den Arbeiten von Detlef Günther

Auszug aus dem Text: The Power to Believe (v.2.0)
Christian Kupke, im September 2017

I. Vielsprachigkeit und deren Entwicklung

Detlef Günther ist ein Künstler, der sich einer Vielzahl medialer Codes bedient und sich in ihnen aus­zudrücken vermag: in dem von Ge­mäl­den und Zeichnungen, von Collagen, Objekten und In­stal­la­tionen, Fotografien, Videoarbeiten und Multime­dia-En­vironments. Wollte man diese Viel­spra­chig­keit seines Werkes, diese Heteroglossie – um es mit einer Wortschöpfung Bachtins auszu­drü­cken – in ei­nem Begriff fassen oder unter einem Titel zusammen­fassen, müsste man sie als konzep­tuell be­zeich­nen.

Als konzeptuell nicht primär im Sinne einer Konzeptkunst, die zunächst das Konzept, in Form ei­nes Plans, ent­wirft, das dann hand­werk­lich oder industriell von anderen Personen in einer so ge­nann­ten Post-Stu­dio-Pro­duc­tion hergestellt wer­den kann (allenfalls Günthers Entwurf zu ei­ner In­stal­la­tion mit dem Titel Sen Giotto – The Ma­ni­festation of Volumes ließe sich so verstehen ), son­dern im Sin­­ne eines konzeptuell-be­griff­li­chen Ver­ständ­nis­ses der eigenen Kunsttätigkeit und der eigenen Kunstarbeiten.

Die Entwicklung, die die konzeptuelle Heteroglossie im Werk D. G.s im Laufe der Jahre genom­men hat, lässt sich kurz in folgender Weise charakterisieren: Widmete sich der Künstler zu­nächst, Ende der 80er Jahre, dem labilen Verhältnis von menschlicher Figur und Raum, so be­schäf­tigte er sich An­fang der 90er Jahre, in der Kunstak­tion Gelb 92, mit den vielfältigen Mu­stern des Sehens. Hier stand das offen Sichtbare, in seiner Kombination von Form und Far­be, im Vordergrund des künstlerischen Inter­esses: Wie wird ein und dieselbe Form oder Figur, ein und die­selbe Farbe in unterschiedlichen räumli­chen und zeitlichen, materialen und situativen Kon­texten wahrgenom­men?

Ende der 90er Jahre dann, im Projekt Twosuns(Enclued), entwickelte D. G. neue Formen der In­ter­aktion vor allem mit digitalen Medien. Hier kam es, im Zuge einer sich beschleunigenden elektronischen Ent­wicklung, zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit den sich dadurch bietenden innovativen Pro­duk­tionsweisen sowie ihren Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Mit seinen letzten Arbeiten seit 2006 Dignity of Man und Sen Giotto, aber auch in seinen rein male­ri­schen Werken Trans­nais­sance no.1, Grund – Transnaissance no. 2 und seiner Volume-Serie stellte sich der Künstler schließlich, im erneuten Rück­griff auf klassische Produktionweisen, der Frage nach dem – oder der Herausforderung des – Un­sichtbaren in der Kunst. …

Detlef Günther – Shortbio


Detlef Günther studierte an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und der Freien Universität Berlin zunächst Geistes- und Kommunikationswissenschaften und schloss das Studium 1982 mit einer wissenschaftlichen Arbeit über „Die Kunstauffassung der Kritischen Theorie“ ab. Von 1984 bis 1990 studierte er Freie Kunst an der HdK Berlin, nachmals UdK mit dem Abschluss als Meisterschüler bei Professor H. J. Diehl. Zur gleichen Zeit gründete er zusammen mit Martin Assig, Klaus Hoefs, Oliver Öfelein und Jochen Stenschke die Künstlergruppe BOR. Als freier Künstler war Günther in den 90er Jahren Mitarbeiter an dem Forschungsprojekt “Technisches Sehen” beim Medieninstitut Berlin (Leitung Prof. Dr. Arthur Engelbert). 1997 gründete er die “Twosuns Media Development GmbH” und entwickelte das Interactive Environment-System “Enclued” in Anbindung an ein neuartiges Kameraverfahren, das Personenbewegungen im Raum dreidimensional aufzeichnet. Beide Innovationen wurden vom Deutschen und Europäischen Patentamt patentiert.

Detlef Günther trat seit Ende der 80er Jahre bisher mit ca. 50 Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und im Ausland hervor, z.B. im Haus der Kunst München, Gemeente Museum Helmond (NL), Galerie Kremer-Tengelmann (Köln), NGBK Berlin. Im Auftrag von Unternehmen und Institutionen wie Sony Deutschland, dem Festspielhaus Hellerau, dem HKW, Carsten Nicolai und dem Canon ArtLab in Tokyo (Projekt „Polar“ – Goldene Nica 2001) realisierte er zudem verschiedene Medienprojekte und -installationen. Seit 2008 hält Detlef Günther Vorträge und Seminare zur Genealogie des Bildes und der bildgebenden Formate in Kunst und Wissenschaft an Fachhochschulen und Universitäten.

Detlef Günthers Arbeiten sind u.a. vertreten in der Sammlung Karl Kremer, in der Kunstsammlung der Deutschen Bank (Frankfurt), in der EON-Kunstsammlung und im Kunstmuseum Gelsenkirchen. Er lebt und arbeitet in Berlin.